Ich wollte gemocht werden – und habe dabei meinen Wert verloren
- Juliane Fieber
- 11. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt eine Phase, über die man ungern spricht.
Die, in der man nicht zu wenig kann – sondern sich selbst zu wenig ernst nimmt.
Ich war lange genau dort.
Vor allem am Anfang, als ich hergezogen bin. In einer Umgebung, in der ich niemanden kannte. In der ich nicht „die Fotografin“ war, sondern einfach jemand, der neu ist.
Ich wollte sichtbar werden. Ich wollte, dass Menschen mich sehen, mich buchen, toll finden, was ich mache. Ich wollte meine Berufung auch hier zum Beruf machen. Und ja – ich wollte gemocht werden.
Also habe ich Aufträge angenommen, in der Hoffnung, darüber bekannt zu werden.
Oder mich mit Geburtstagsfotogutscheinen förmlich aufgedrängt.
Ich habe zu oft „ja“ gesagt. Auch zu Dingen, die sich nicht richtig angefühlt haben. Zu Vorstellungen, die nicht zu meiner Art zu arbeiten gepasst haben. Denn ich dachte, das ist die eintige Möglichkeit mich hier bekannt zu machen.
Zu oft günstiger gearbeitet. Zu oft mehr gegeben, als eigentlich vereinbart war.
Und ich habe auch Dinge verschenkt.
Shootings. Bilder. Zusatzleistungen.
Nicht, weil sie nichts wert waren – sondern weil ich dachte, es würde sich „lohnen“.
Man wird von mir sprechen und sehen, was ich drauf habe.
Aber der entscheidende Punkt kam später:
Niemand hat sich dadurch meine eigentliche Arbeit angesehen.
Die Bilder, für die ich gebucht wurde, die ich geflissentlich erfüllt habe, waren oft nicht die, die meiner eigenen Ästhetik entsprachen.
Und genau diese Bilder wurden gesehen. Weitergezeigt. Mit mir verbunden.
Wie etwa vor ein paar Jahren als ich gefragt wurde, ob ich die Konfirmationsfotos hier machen würde. Hab ich gemacht und habe es bereut. Diese hallen hier noch nach, lauter als das, was ich kann.
Nicht das, wofür ich eigentlich stehen wollte.
Und nach außen blieb oft genau dieses Bild: die, die hier im Dorf einfach die Kamera hat und alles macht, was mit Fotografieren zu tun hat.
Ein Bild, das es so in der Realität aber kaum gibt. Denn gute Arbeit entsteht selten darin, alles zu machen – sondern darin, sich klar zu entscheiden.
Zu glauben, man gewinnt darüber die „richtigen“ Kunden, ist ein Trugschluss.
Denn Menschen buchen dich für das, was sie sehen.
Ich habe einfach die falschen Bilder gezeigt. Ich habe die falschen Bilder fotografiert.
Und damit auch die falsche Erwartung erzeugt, dass ich mal eben für wenig alles mache.
Und manchmal zeigt sich das so:
Eine Anfrage. Ein klarer Wunsch.Und trotzdem wird daraus mehr.
Mehr Zeit. Mehr Bilder. Mehr Aufwand, als ursprünglich gedacht.
Nicht, weil jemand mehr verlangt.Sondern weil ich keinen klaren Rahmen gesetzt habe, keine Grenze gezogen habe, nicht geschäftlich genug gedacht habe.
Am Ende passt dann etwas nicht mehr für die eigene Arbeit.
Dieser Punkt war für mich ein Wendepunkt in meinem Denken.
Ich habe angefangen, meiner Arbeit einen Rahmen zu geben.
Klare Abläufe. Klare Preise. Klare Entscheidungen, was Teil meiner Arbeit ist – und was nicht. Was ein Ja bekommt und was ein klares Nein, ohne Rechtfertigung.
Nicht mehr alles möglich machen. Nicht mehr alles annehmen.
Ich meine, wenn ich eine Anfrage bekomme, ob ich jemanden in einem Katzenkostüm fotografieren mag, dann war meine Aussenwirkung wohl wirklich nicht genug geschärft denke ich.
Den Rahmen setze nun ich.
Zum Beispiel bei meinen Wochenendshootings:
Ein klarer Zeitrahmen. Eine bewusste Begrenzung.
Und gleichzeitig Raum für das, was meine Arbeit im Kern ausmacht:
Familienfotografie, die Tiefe hat. Zeit, Ruhe und einem hohen Anspruch und meiner Gabe Liebe durch die Kamera sichtbar zu machen. Mein Leitsatz.
Seitdem arbeite ich anders.
Ruhiger. Klarer. Mit festen Grenzen. Und mit Bildern, die wirklich das zeigen, was meine Arbeit ausmacht.
Und trotzdem sind diese alten Muster manchmal noch da.
Neulich habe ich mich selbst dabei beobachtet.
Jemand sagte ganz beiläufig, dass sie im nächsten Jahr wieder ein Familienfoto machen möchten. Und mich dann anfragen würden.
Und ich war sofort in einer Erklärung.
Dass es bei mir anders ist. Dass es mehr Bilder gibt, in einem Fotobuch .... etc..
Ich habe angefangen, Unterschiede aufzuzählen, noch bevor ich überhaupt beschrieben habe, was meine Arbeit eigentlich ausmacht. Und wie besonders und künstlerisch sie ist, wie viel mehr sie eigentlich von ihrer Geschichte, ihrem Miteinander als Familien bekommen.
Vielleicht auch, weil viele genau dieses eine Bild im Kopf haben.Dieses klassische Studiofoto, wie man es lange kannte.
Und ich dachte in dem Moment, ich müsste erklären, dass sie genau das bei mir so nicht bekommen.
Denn meine Arbeit funktioniert einfach anders.
Und trotzdem war ich in diesem Moment nicht bei dem, was meine Arbeit wirklich ausmacht. In mir war nur der Gedanke: nun versuche ich schon so lange mich bekannt zu machen, man kennt sich hier und doch hat es niemand wahrgenommen, wie ich eigentlich arbeite.
Und er hat mich wieder erwischt, der "ich will doch gemocht und wahrgenommen werden Reflex ":
Sich erklären. Sich abgrenzen. Sich rechtfertigen.
Dabei liegt der Unterschied nicht in der Menge. Nicht im „mehr“.
Sondern in der Art zu arbeiten. In dem, was bei mir und durch mich entsteht.Und in dem, was für jede Familie bleibt.
Nicht, weil ich nicht mehr gemocht werden möchte – sondern weil ich verstanden habe, dass echte Wertschätzung nicht daraus entsteht, dass man sich selbst zurücknimmt.
Sondern daraus, dass man sich zeigt.
Und sich selbst ernst nimmt.
Rückblickend ging es nie nur um Fotografie.
Sondern um etwas, das viele kennen:
Zu viel geben, um gesehen zu werden. Sich anpassen, um dazuzugehören. Und dabei Stück für Stück das verlieren, wofür man eigentlich steht.
Und an diesem Punkt verändert sich alles.



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